Archiv für den Monat: Januar 2016

Schützt unseren Verstand! – Das „Bürgerwehr“-Unwesen nach Köln

Ein Kommentar des Juso-Vorsitzenden Martin Schottek

Als ich von den Übergriffen in Köln erfahren habe, war ich schockiert und wütend. Ich hielt es vorher nicht für möglich, dass sich Gruppen von Männern in der Öffentlichkeit zusammenrotten, um Frauen sexuelle Gewalt anzutun. Schnell erschienen vor meinem inneren Auge die Szenen vom Tahrir-Platz in Kairo. Diese Verbrechen sind abscheulich und sie offenbarten uns, dass es scheinbar ein massives Problem mit der Stärke und Einsatzleitung der Polizei an diesem Abend gab. Jetzt diskutiert die Bundesrepublik über die personelle Ausstattung der Polizei, über die Flüchtlingspolitik und die Herkunft der Täter.

Abseits des Blätterrauschens der Presse, in den dunklen Ecken der sozialen Medien, wo sich seit jeher zwielichtige Gestalten tummeln, bricht sich währenddessen der Wahnsinn seine Bahn. Es scheint, als hätten viele die fürchterlichen Ereignisse geradezu herbeigesehnt, die ihrem Irrsinn den Weg in den Mainstream ermöglichen. Ein beliebter Weg scheint momentan das Gründen einer sog. „Bürgerwehr“ zu sein. In Köln, Düsseldorf, Witten und scheinbar seit neuestem auch in Bochum sammeln sich diejenigen, die bei jedem Problem unserer Zeit zielsicher auf die falsche Antwort zusteuern. Die Gruppe in Witten hat bis zu ihrem vermutlichen Aufgehen in der FB-Seite, schönes Anschauungsmaterial geliefert. Mit dem Titel „Gegen Gewalt an unseren [sic!] Frauen und Kindern“ macht schon mal klar, was den Furor Teutonicus weckt. Es sind „unsere“ Frauen! Nicht die sexualisierte Gewalt, nein, die verletzten Eigentumsrechte treiben die Möchtegerndorfsherrifs um. Sollen die Orientalen das doch mit ihren Frauen machen, hier ist aber Deutschland, hier haben wir seit jeher unsere Ansprüche!

Recht und Ordnung müssen gelten, also für die anderen. Für die Eingeborenen nur bedingt, sieht man sich an, wie viele der wackeren Deutschtümler offen ihre Sympathie für gewalttätige „Fußballfans“ und Rockerbanden bekunden. Mit ACAB für unsere Sicherheit! Dass viele der Bürgerwehrlinge dazu Nazi-Seiten liken, der Schwarze Sonne als pseudo-germanisches Symbol in ihrem Profil untergebracht haben und jede Menge rassistischen Müll teilen, ist so traurig wie vorhersehbar. Wenn sich Menschen, die weder mit Hools, noch mit kriminellen Rockern noch mit Nazis zu tun haben mit diesen dann gemein machen, dann macht das die „Bürgerwehren“ nicht besser, sondern wirft nur ein Licht auf Naivität und Dummheit der betreffenden Personen.

Natürlich ist so eine Bürgerwehr schon ein Stück Arbeit. Im schlimmsten Fall gehen die tatsächlich vor die Tür und man steht unter Zugzwang mitzumachen. Will man vor potentiellen neuen Freunden und Komplizen dann doof dastehen, wenn doch im Fernsehen was Gutes läuft? Nein, aber dafür kann man auch sehr gemütlich vom Wohnzimmer zu Paranoia und Wahn beitragen. Wusstet ihr, dass in Bochum letzten Samstag um 21 Uhr hinterm Hauptbahnhof ein Mädchen von 10 (!) Flüchtlingen vergewaltigt wurde? Wenn nicht, dann habt ihr alles richtig gemacht, denn auch Tage danach gibt es weder in der Presse noch von der Polizei irgendwelche Meldungen dazu. Wenn ja, dann schämt euch dafür, jeden Müll, der bei FB so verbreitet wird, zu glauben. Landauf Landab erfinden und verbreiten Menschen Gerüchte, die treudoof geglaubt werden, wenn sie nur ins eigene Weltbild passen. Die Informationspolitik der Kölner Polizei war ein Desaster, aber man kann die Frage aufwerfen, welchen Sinn sie noch hat, wenn mittlerweile jeder Unsinn ohnehin eher geglaubt wird. Level 2 besteht dann darin, vorgetäuschte Straftaten zur Anzeige zu bringen, damit die Polizei ihre Zeit nicht mit so etwas Langweiligem wie der Ermittlung echter Fällen verschwendet. Hier kommen die Bürgerwehrlinge wieder ins Spiel, denn deren „Spaziergänge“ sind auch ein probates Mittel, Ressourcen der Polizei für unnötigen Quatsch zu binden. Unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Hunde, unsere Katzen, Hansi der Wellensichtich und der Lilalaunebär, sie alle wären um einiges sicherer, wenn die Polizei sich nicht um gewaltige Nazis, Hools, Rocker und gewalttätige Nazis, Hools und Rocker in Bürgerwehren kümmern müsste.

Schützt unseren Verstand! Deswegen…

  • Bürgerwehren beobachten! Bürgerwehren haben nicht das Recht, Menschen zu kontrollieren, Identitäten festzustellen oder Platzverweise auszusprechen. Diese Aktivitäten sollten umgehend der Polizei gemeldet werden.
  • auf aktive Nazis in Bürgerwehren aufmerksam machen!
  • Zivilcourage zeigen! Mit offenen Augen und Ohren unterwegs sein, Menschen in Not helfen oder zumindest die Polizei rufen
  • Gerüchte bekämpfen statt verbreiten. Sprecht Freunde und Bekannte an, wenn sie unbestätigte Meldungen zu Straftaten verbreiten, sowohl im Netz als auch im echten Leben