Jusos Bochum

Gendermedizin- Der Mensch ist nicht männlich

von Rebekka Griesßmann

Was ist Gendermedizin?

Lange Zeit dachte man in der biomedizinischen Forschung und der klinischen Medizin, dass Krankheitsprozesse geschlechtsunabhängig sind und Studien mit männlichen Probanden ausreichen, um Rückschlüsse auf die Nebenwirkungen von Medikamenten zu ziehen. Heutzutage weiß man aber, dass die Symptome und der Verlauf vieler Erkrankungen geschlechtsabhängig sind. Die Gendermedizin beschäftigt sich mit der geschlechterspezifischen Erforschung und Behandlung von Krankheiten, denn auch in der Medizin gibt es Unterschiede in der Behandlungsqualität von Männern und Frauen. Ziel der Gendermedizin ist es, sowohl das biologische (Sex) als auch das soziokulturelle Geschlecht (Gender) in die medizinische Behandlung miteinzubeziehen und somit eine individuelle Behandlung zu ermöglichen.

Gendermedizin in der Pharmaindustrie:

Die Wirkung und Verstoffwechselung von Medikamenten unterscheidet sich bei Männern und Frauen auf vielfache Weise, trotzdem werden beiden oft dieselben Medikamente verschreiben und auch die Dosis ist oft identisch. Dies hat zur Folge, dass bei Frauen durchschnittlich 1,5 mal häufiger unerwünschte Nebenwirkungen auftreten als bei Männern. Das Interesse aber, daran zu forschen und Lösungen zu finden ist jedoch gering und eine geschlechtersensible Pharmakologie eine Seltenheit. Bisher ist sehr viel mehr über die Pharmakologie von Arzneimitteln bei Männern als bei Frauen bekannt, da Frauen in klinischen Studien oft unterrepräsentiert sind. Vor allem in der ersten Phase der Medikamentenentwicklung waren Frauen viele Jahre von klinischen Studien ausgeschlossen, da bei ihnen die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht. Oft werden auch weniger Frauen mit in Studien einbezogen, da es durch Hormonschwankungen im Laufe des Zyklus schwieriger sein kann, verlässliche Ergebnisse zu bekommen und dies die Studie komplizierter macht. Dies sollte aber eigentlich gerade ein Grund sein, um Frauen mit in Studien einzubeziehen, da später auch Frauen in unterschiedlichen Phasen ihres Zyklus die Medikamente einnehmen werden.

Die Auswirkung des soziokulturellen Geschlechterbildes auf Krankheiten:

Es ist aber nicht nur wichtig, das biologische Geschlecht zu beachten, sondern auch das Gender (soziokulturelle Rollenbild in einer Gesellschaft), denn dies beeinflusst maßgeblich den Lebensstil und den Umgang mit Krankheit. Männer sind aufgrund ihrer sozialen Rolle häufiger in Berufen tätig, die mit körperlicher Schwerstarbeit, erhöhtem Unfallrisiko oder der Exposition gegenüber pathogenen Noxen einhergehen und sind daher eher gefährdet einen Unfall zu erleiden. Das typische Bild „vom starken Mann, der keine Emotionen hat“ führt aber auch oft dazu, dass psychische Krankheiten wie Depressionen bei Männern seltener diagnostiziert werden und somit auch behandelt werden als bei Frauen. Männer haben aber nicht unbedingt seltener Depressionen, suchen sich aber seltener Hilfe, und „lösen“ ihre Probleme öfter durch einen Drogen- oder Alkoholabusus. Bei Frauen wird bei Problemen öfter eine psychosomatische Ursache vermutet vor allem von männlichen Ärzten, sodass hier die Gefahr größer, ist eine organische Ursache zu übersehen.

„Frauen und Männerkrankheiten“ -und die Folgen dieser Pauschalisierungen:

Dadurch, dass manche Krankheiten als typisch männlich bzw. typisch weiblich gelten, kann dies zu verspäteten (oder versäumten) Diagnosen führen und damit den Behandlungsbeginn verzögern. Stereotypisch weibliche Krankheiten wie Osteoporose (oft sind postmenopausale Frauen betroffen) werden bei Männern häufig übersehen und sind daher weniger erforscht.

Der Herzinfarkt gilt als typisch männlich Krankheit weshalb die meisten Menschen bei einem Herzinfarkt an Schmerzen in der Brust und im linken Arm denken, diese Symptome sind allerdings meistens bei Männern zu finden. Bei Frauen äußert sich ein Herzinfarkt meist deutlich unspezifischer in Form von Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen, Rückenschmerzen und Kieferschmerzen. Ein Herzinfarkt wird daher bei Frauen meist deutlich später erkannt und folglich sterben im Verhältnis mehr Frauen daran, obgleich es sich doch eigentlich um eine klassische „Männerkrankheit“ handelt.

Gendermedizin in den Fokus der medizinischen Lehre:

Trotz der offensichtlichen Relevanz der Gendermedizin in der medizinischen Lehre, um zukünftiges Fachpersonal für das Thema zu sensibilisieren, ist sie kein relevanter Bestandteil in den medizinischen Ausbildungen und dem Medizinstudium. Die Charite in Berlin ist die einzige Universität die Gendermedizin lehrt.

 

 

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